3. Deaf Dental Forum für gehörlose Zahntechniker in Cuxhaven

26. Februar 2010

Vom Hören und Sehen - zum Verstehen und Begreifen | Foto by Oliver Bardt

Volles Haus und professionelle Vorbereitung
Zum dritten Mal ist ein Deaf Dental Forum erfolgreich über die sprichwörtliche Bühne gegangen. Wiederum in Cuxhaven in den neurenovierten hellen Räumen der dortigen Kurverwaltung. Initiator war wieder einmal mehr ZTM und Laborinhaber André Thorwarth, der es geschafft hatte, den Vortragsraum nicht nur für insgesamt knapp 100 Mitwirkende und Zuhörer bequem bestuhlen zu lassen, sondern auch mit High-End Technik in erster Linie gehörlose Zahntechniker mit interessanten Vorträgen für ihre Anreise - teilweise von bis zu 1000 km - zu entschädigen und fachlich zu verwöhnen.
Die seit 20 Jahren professionellen Gehörlosen-Dolmetscher Karen Wünsche und Patrick George, die André Thorwarth bereits seit seiner Meisterschule sowie auf eigenen und externen Kursen und Seminaren begleitend übersetzt hatten, haben sich bei manchen Vorträgen „schwer ins Zeug legen müssen“, da die Vorträge in der Qualität der Darstellung und Fachterminologie in keinem Punkt von denen für eine hörendes Publikum abwichen.
Parallel konnten sich wieder Dental-firmen entsprechend zu den Vorträgen mit ihren Produkten präsentieren. Um der großen Flut der Fragen der gehörlosen Zahntechniker an die Firmen BEGO, Bredent, Candulor, DeguDent, megadental, Siladent, HAI Implantat-System und Straumann/Etkon auch Rede und Antwort zu stehen, waren eigens hierfür sechs Studenten der Fachhochschule Magdeburg-Stendal aus dem Studiengang für der Gebärdensprachdolmetscher permanent vor Ort.

Historie:

Ich selbst war nun schon das dritte Mal bei dieser Veranstaltung als aktiver Redner eingeladen und hatte bereits zum 9. Mal im Labor Thorwarth einen Totalprothetik-Kurs abgehalten. Das begann mit klassischen Aufstellkursen auf Phantommodellen, setzte sich über Seminare für Fortgeschrittene fort, in denen reelle dublierte Patienten-Situationen aufgestellt und fertiggestellt wurden bis hin nun bereits zum dritten Patienten-Team-Kurs (für Zahnarzt- Patienten und Zahntechniker) in denen die Patienten von der Abformung bis zur Remontage versorgt werden konnten.

Interesse und Engagement:

Beeindruckend für mich war es wieder einmal, mit welch einem Interesse unsere Berufskollegen bei der Sache waren. Ein Eindruck, der sich in den letzten Jahren in jedem meiner Kurse stets wiederholte. Ich hatte hier wieder einmal das Gefühl, dass es sich dabei um ein ganz spezifisches Engagement handelte, was ich in Kursen in zahntechnischen Laboratorien, in denen ich auch gehörlose Kollegen treffe, nicht immer in dieser Art und Weise vorgefunden habe. Ich empfand, dass sich die gehörlosen Zahntechniker hier ernster und direkter angesprochen fühlten und keine Randgruppe darstellte oder so „nebenher liefen“. Nehmen wir beispielsweise Kathrin M. aus einem Rostocker Labor oder Florian S. aus Wien: In beiden Laboratorien hatte ich sie in zwei Kursen im Bereich Totalprothetik gemeinsam mit ihren hörenden Kollegen vor vielen Jahren geschult, bevor ich sie in Cuxhaven bei André Thorwarth unter „Ihresgleichen“ noch mehrmals in den Kursen wiedertraf. Beide sagten unabhängig voneinander, dass sie nun nicht mehr nur wüssten, was sie zu tun hatten, um eine funktionierende totale Prothese herzustellen, sondern sie fühlten sich nun auch im Bereich der theoretischen Kenntnisse viel besser informiert und wüssten nun auch, warum dieser Arbeitsschritt wichtiger oder jener unbedingt vor den anderen zu stellen sei.

Vom Hören und Sehen:

Nun glaube ich hat das überhaupt nichts damit zu tun, ob man ein gesundes Hörvermögen besitz oder nicht. Sehen können Gehörlose in der Regel allemal und meistens sind sie auf Grund des Mangel des Hörens viel aufmerksamer, wie übrigens auch im Straßenverkehr etc. Wenn sie demnach das Sehen nicht mehr lernen müssen, das Hören sich aber nicht mehr aneignen können, kommt dem Verstehen eines Arbeitsprozesses eine erweiterte Bedeutung zu. Das bessere Verstehen kann also durch ergänzende Erklärungen in einer „den Gehörlosen eigenen verständlichen Sprache“ - der Gebärdensprache - schneller und effektiver vermittelt werden.
Dieses AH-Erlebnis wird sich zusätzlich zu der eigenen Selbstzufriedenheit langfristig noch wirkungsvoller auf die Ausübung und Schnelligkeit der auszuübenden Arbeiten der Zahntechniker auswirken. So sagte eine gehörlose Kollegin beim zweiten Fortsetzungskurs in Cuxhaven: „Seit ich nicht nur weiß, was sondern auch warum ich dieses oder jenes tue, bin ich bei der Erstellung meiner Arbeiten flexibler und schneller und damit sogar früher zu Hause.“

Vom Verstehen und Begreifen:

Damit lässt sich klar erkennen, dass in erster Linie nicht das Hören das Notwendige Medium ist, eine Arbeit fachgemäß herzu-stellen, sondern das Sehen. Aber nicht das Sehen allein in dem Kopieren eines vorgemachten Arbeitsweges. Mittel- und langfristige Auswirkung und damit eine wirkungsvolle Verbesserung wird sich wahrscheinlich erst dann einstellen, wenn der Arbeitsweg verstanden wurde. Und verstehen kann auch ein Gehörloser ohne zu Hören. Wer dann verstanden hat, kann mit seinem Verstand auch nach entsprechender betrieblicher Unterstützung und Motivation an der Umsetzung des Erlernten arbeiten. Allmählich wird dann die Kollegin bzw. der Kollege oder gar der Chef bemerken, dass das Erlernte Früchte trägt. Der geschulte gehörlose Zahntechniker wird parallel fest-stellen können, wie das angeeignete Wissen vom Verstand in die Hände übergeht und so vom Verstehen zum „Be-Greifen“ wird. Denn jeder Zahntechniker, ja jeder Handwerker, muss alles erst einmal Begreifen, um seine Leistung zur eigenen und zu anderer Zufriedenheit erst umsetzen zu können.

Schulungen helfen Begreifen:

Das geht selbstverständlich aber bei Gehörlosen nicht schneller als bei Hörenden. Selten oder überhaupt nicht, wenn qualitative Schulungen ausbleiben oder angebotene nicht genutzt werden. Wie sollten auch die Arbeitgeber von unzureichenden oder weniger geschulten gehörlosen Technikern das gleiche oder mehr erwarten als von den hörenden Mitarbeitern?
Erleben konnte ich den letzten 6-7 Jahren, wie die Zahntechnikerinnen und Zahntechniker, die ich bei André Thorwarth mit professioneller Unterstützung der Dolmetscher in der Aus- und Weiterbildung begleiten konnte, nicht nur mehr und mehr zu ihrem Begreifen hinzufügen konnten, sondern mit dem Begreifen auch fachlich reifen konnten.

Zusammenfassung:

Die angebotenen Kurse für gehörlose Zahntechniker umfassen von der Aufwachstechnik (Jochen Peters), Implantologie, CAD/CAM Technik, Gusstechnik und Totalprothetik. Sie finden in der Regel an Wochenenden, von Freitagmittag bis Sonntagmittag statt. Bei dringenden oder speziellen Fällen bietet André Thorwarth in seinem Labor Intensiv-Einzelkurse an. Gleichzeitig werden die meisten Kurse vom Integrationsamt teilweise oder ganz bezahlt. Trotzdem gibt es viele Laborinhaber oder Zahntechniker, die diese günstige Gelegenheit entweder verstreichen lassen oder noch gar nicht kennen.
Vielleicht liegt es aber auch an uns Hörenden, dass wir es noch nicht verstanden oder begriffen haben, Gehörlose nicht wie Hörende oder ausschließlich Sehende anzuleiten und sie entsprechend ihrer sensorischen Aufnahmefähigkeit in ihrem Wissen entsprechend zu fördern. Nutzen wir doch die Hilfen von Profis und lassen wir sie zu ihrem eigenen Selbstbewusstsein und zu unserem betrieblichen Nutzen unterweisen.
Wie Gehörlose halt. Z.B. in Cuxhaven.

28. Februar 2010

Karl-Heinz Körholz

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