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23. September 2005

Se(h)minare für Gehörlose in Cuxhaven - Karl-Heinz Körholz Vom Nachahmen zum Verständnis

Der erste Kontakt

Ich erinnere mich noch gut, dass ich während meiner Ausbildung zum ersten Mal zwei gehörlosen Zahntechnikerinnen begegnet bin. Da ich sie nicht verstand, konnte ich mit ihnen „nichts so recht anfangen“. Deshalb gab es zunächst so gut wie keine Kommunikation. Mein damaliger Ausbildungschef aber war überaus zufrieden ihnen. Sie waren fleißig und schnell. Während der Arbeitszeit fielen sie mir kaum auf. Das änderte sich aber in den Pausen, in denen sie sich äußerst lebhaft und mit „Händen und Füßen“ unterhielten. Sie waren verheiratet, hatten Kinder und lebten ihr Leben offensichtlich genau wie wir Hörenden, mit Ausnahme ihrer Behinderung. Diese schienen sie aber erstaunlich gut meisterten.

Überraschung, aber kein Mehraufwand und kein Unterschied

Jahre danach, bin ich in meinen Aufstellkursen in den Laboratorien immer wieder gehörlosen Zahntechnikern begegnet. Da steht man dann vor seinem Publikum und wird so im Vorbeigehen von den hörenden Kollegen gebeten: „Sprechen Sie doch einfach so ein bisschen in seine oder ihre Richtung, dann werden Sie schon verstanden.“
Und: Die angefertigten Ergebnissen nach zwei oder drei Tagen unterschieden sich bislang nie von denen der übrigen Kursteilnehmer. Beachtlich, wenn ich bedenke, dass ich mich selbst dabei eigentlich nie so wesentlich mehr verausgabt hatte oder besonders intensiv auf die Gehörlosen selbst eingegangen war. Es ist offensichtlich so, zumindest habe ich mir das immer selbst zu erklären versucht, dass das wenige vom Mund abgelesene und das durch die Gestik verstärkte Vokabular in Verbindung mit den praktischen Demonstrationen völlig ausgereicht hatte, ein Kursziel zu erreichen, dass meine anfänglichen Erwartungen übertraf. Das hat mich immer wieder überrascht.

Der Zahntechnikermeister, Laborinhaber und Schulungsleiter

In Hamburg in der Meisterschule traf ich vor vielen Jahren Andrè Thorwarth, einen gehörlosen Zahntechniker, der dort mit Erfolg seine Meisterprüfung abgelegt hat. Seit längerem leitet er ein zahntechnisches Labor in Cuxhaven und hat eine Schulungsinstitution gegründet, die sich ausschließlich mit der Weiterbildung gehörloser zahntechnischer Kollegen in kleinen Gruppen zu sechs Teilnehmern befasst. Herr Thorwarth ist zusätzlich als gehörloser Demonstrator regelmäßig auf Messen bei DeguDent tätig und organisiert und betreut Gruppen gehörloser Zahntechniker bei Messebesuchen und Kongressen.

Der Dolmetscher im Kurs und Kongress

Das alles funktioniert seit Jahren reibungslos dank Frau Karen Wünsche. Sie hat sich als gelernte Gebärdendolmetscherin neben ihrer sonstigen Tätigkeit besonders auf den zahntechnischen Bereich spezialisiert und sich dort bereits einen guten Namen gemacht. Frau Wünsche habe ich während der Kurse in Cuxhaven kennen gelernt. Darüber hinaus hat sie mir bei gemeinsamen Auftritten auf der IDS und im Februar 2005 beim Deaf Dental Forum in Cuxhaven, wo sie - selbstverständlich abwechselnd mit einem weiterem Kollegen - die so ungeheuer wichtige Verbindung zwischen den Hörenden und Gehörlosen geschaffen.
Dabei habe ich ihre Übersetzungen als eine wesentliche und notwendige Unterstützung schätzen gelernt und als Referent erstmalig das Gefühl bekommen, das genau das, was ich sagen wollte auch genau so verstanden wurde und nicht nur so ungefähr.

Deshalb entstand beispielsweise bei den praktischen Kursen auch eine Arbeit, die nicht nur vom Werkstück sondern endlich auch vom Verständnis genau das widerspiegelte, was erreicht werden sollte.

Und erst jetzt ist es klar

An einem Beispiel wird das deutlich: Eine Kursteilnehmerin, die bereits äußerst erfolgreich in ihrer Arbeitsstelle im Labor zwei Aufstellkurse (ohne Dolmetscher) mitgemacht hatte, sagte ganz spontan und plötzlich während eines Kursus in Cuxhaven (hier mit Dolmetscherin): „Jetzt weiß ich endlich auch warum ich das so machen soll.“ Sie hatte bis dato ihre Arbeit zwar korrekt angefertigt und dabei das Gezeigte nachgeahmt, ohne aber die Zusammenhänge richtig verstanden zu haben. Und dieses Vermitteln geht ohne die Unterstützung eines ausgebildeten und fachlich versierten Dolmetschers nicht oder nur sehr unvollkommen.

Vermitteln der Inhalte – hier muss der Lehrende lernen

Und glaube keiner, dass man als Referent auf fachlicher Ebene - vielleicht aus einer gut gemeinten Rücksichtnahme - den Ball besonders flach halten müsste und die Technik sowie das Fachvokabular auf ein Lehrlingsniveau herunterschrauben muss. Was man als Referent jedoch unbedingt lernen muss, ist nicht große ausschweifende und blumige Reden zu verfallen, sondern kurze, klare und eindeutige Aussagen zu formulieren. Diese können dann, auch wenn der Inhalt anspruchsvoll ist, verständlich und unverkennbar von Fachdolmetschern, wie wir sie in Cuxhaven haben, übersetzt und von den Zuhörern verstanden werden.

Aufnahme und Reaktionen

Die Freude, und die hohe Aufnahmebereitschaft, sowie die anschließenden Fragen und Diskussionen bei jeder dieser Veranstaltung, haben mir deutlich gezeigt, wie viel Wissen aus dem zuvor erlernten und Gesagten bereits aufgenommen wurde und wie viel zusätzliches Interesse aber noch zusätzlich befriedigt werden könnte. Wer einmal den lebhaften Wissensdurst und die gemeinschaftliche Freude beim Arbeiten und Lernen aber auch in der Freizeit bei Gehörlosen erlebt hat, wird vielleicht verstehen, warum es sicherlich nicht nur mir als Referenten viel Freude macht mit ihnen zu arbeiten sondern er wird vielleicht auch begreifen, welch eine Motivation man dabei selbst erhält. Hält man sich dann noch vor Augen, was diese Menschen in ihrer tagtäglichen Arbeit zusätzlich leisten könnten, wenn sie denn in Weiterbildungsmaßnahmen durch Zuhilfenahme eines Dolmetschers noch besser geschult würden, kann man als Laborinhaber vielleicht sein Arbeitspotential auf einfache Weise ohne große Zusatzinvestitionen steigern.

Dank

Ich danke insbesondere Karen Wünsche und Andrè Thorwarth sowie allen, die diese Arbeit mit Engagement und Erfolg weiter betreiben.

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